Engagierte Wissenschaft – ein Aufruf zum ethnografischen Arbeiten als politische Bildung

Ein Beitrag von Julia Nina Baumann. Dieser Blog-Artikel basiert auf einem Vortrag beim Workshop „Notwendige Positionen und politische Praxis in der Ethnologie“ im Rahmen der DGSKA-Tagung 2019 in Konstanz.

Wissenschaftler*innen stehen mitten in der ‚Corona-Krise‘ mehr denn je in der Öffentlichkeit. Aktuelle Beispiele (etwa die Causa Christian Drosten – BILD-Zeitung) zeigen, welchen ungewohnten Herausforderungen sich Forscher*innen im Austausch mit Politik, Medien und Gesellschaft stellen müssen: Das dem akademischen Fachpublikum zu eigene spezifische Vorwissen kann etwa ebenso wenig vorausgesetzt werden wie genauere Kenntnisse über wissenschaftliche Methodik und Diskussionskultur. Zugleich zeigt die aktuelle Situation, wie wichtig eine interdisziplinäre, öffentlich zugängliche Expertise ist. Der anthropologische Blick jedoch kommt in dieser Wissenschaftskommunikation oft zu kurz (Salden/Schmeling 2019: 441 ff.). Nicht zuletzt läge dies an der mangelnden Bereitschaft die „richtig großen Fragen“ anzugehen (Nigel Barley nach Schnabel 2019) und harsche Realitäten lieber zu meiden, aus Angst, die eigenen Werte könnten zu sehr herausgefordert werden (Fassin 2006: 3). Ich möchte hier deshalb eine Lanze dafür brechen, im Sinne einer public oder auch critical engaged anthropology Wissenschaft als grundsätzlich politisch und ethnografische Forschungen als politische Bildungsarbeit zu verstehen.

Zwischen Krise der Repräsentation und dem Primat des Rationalen – oder warum der anthropologische Blick oft fehlt

Wie wohl jede*r Sozial- und Kulturanthropolog*in war auch ich in meinen Forschungen oft mit emotional herausfordernden Situationen konfrontiert: Ich war meinen interlocuteurs so nah; ihrer Angst, ihrer Verzweiflung, ihrer Existenzbedrohung – und blieb am Ende doch nur die privilegierte Fremde. Zwischen Helfen wollen und Helfen postkolonial dekonstruieren, es infrage stellen und am Ende verdammen, fand ich mich oft in einer schmerzhaften Handlungsunfähigkeit wieder (Baumann 2019). Ich war in der Ohnmacht, an der die Disziplin bereits seit der Krise der Repräsentation und der Writing Culture Debatte zu knabbern hat, und die aus meiner Sicht ein Grund dafür ist, warum Sozial- und Kulturanthropolog*innen sich in der Öffentlichkeit ungern zu allgemeinen Statements hinreißen lassen. Denn gewachsen in der Tradition des Kulturrelativismus, des Feminismus, des Konstruktivismus und des Postkolonialismus, stoßen uns kurze, knappe und sprachlich vereinfachte Aussagen, wie sie oft in der nicht-akademischen Kommunikation gefordert werden, zu Recht oft als negativ und essentialistisch auf. Auch hier zeigen aktuelle Beispiele, wie schmal die Grenze zwischen politischer oder auch medialer Instrumentalisierung von oft missinterpretierten Forschungsergebnissen auf der einen und einer gelungenen Öffentlichkeitsarbeit auf der anderen Seite sein kann. Als Sozial- und Kulturanthropolog*innen sind wir zudem gewohnt zu beobachten und damit zunächst wertneutral schlicht hinzunehmen, was wir sehen, hören, riechen und erleben. Generelle Wertungen, die abseits emischer Konnotationen oder theoretischer Analysen sind, fallen uns deshalb oft schwer. Allerdings fordern schwierige Forschungssituationen, die Forschende an ihre eigenen ethischen und emotionalen Grenzen bei einem Nicht-Eingreifen bringen, wie sie etwa Phillipe Bourgois (1990) oder Nancy Scheper-Hughes (1995) beschreiben, neue engagiertere Herangehensweisen.

Neben der Sorge um Falschauslegungen und der fachlichen Ohnmacht identifiziere ich jedoch auch noch einen zweiten Grund, der zu einer misstrauischen Betrachtung öffentlichkeitswirksamer und engagierter Praxen führt. Seit den selbstreflexiven Auseinandersetzungen in den 1980er Jahren ist klar: Der eigene (politische) Hintergrund und die Gefühlslage der Forschenden spielen gravierende Rollen im ethnografischen Arbeiten (Stodulka 2014; Stodulka et al. 2019; Liebal et al. 2019; Behar 1996; Scheper-Hughes 1995; Smith/Kleinman 2010; Hage 2010; Leibig/McLean 2007; Spencer/Davies 2010; Jackson 2010). Mehr noch, Einfühlungsvermögen und subjektives Engagement von Wissenschaftler*innen ist in der Sozial- und Kulturanthropologie (SKA) einzigartig methodisch verankert. So ist das „seeing from within“ (Frank 2000: 96), der emische Blick, die Empathie für das Andere doch charakteristisches, ethnografisches Werkzeug (ebd.). Forschungserfahrungen werden damit „totalisierend“, „fluide“, „itrapsychisch“ und „itrasubjektiv“ (Leibig/McLean 2007: 4); sie gehen nicht nur über zeitliche und örtliche, sondern auch über wissenschaftliche und private Grenzen hinaus (ebd.; Goslinga/Frank: xvi; Turner 1989: 20-21). Eindeutig ist damit auch: Ethnografisches Forschen hat nicht nur Einfluss auf die Forschungsteilnehmenden, sondern auch auf Forschende und deren Heimatgesellschaften. Auf Widerstände stößt die SKA damit dann, wenn sie auf das über Jahrhunderte gewachsene Primat der Rationalität und angestrebten Objektivität in der hegemonial-dominierenden, euro-amerikanischen Wissenschaftskultur (Jensen/Morat 2008) stößt. Hier hinein spielt ebenfalls die noch recht junge historische Entwicklung der Trennung von Erwerbsarbeit und einem mehr oder weniger `öffentlichen Leben´, sowie dem Privatem und schützenswerten, inneren Selbst. Emotionen und politisches Engagement laufen der angestrebten Rolle des*der Berufsakademiker*in zuwider, so scheint es. Gleichzeitig jedoch bindet die greedy institution Wissenschaft seine Mitglieder durchaus affektiv – Neugier, Begeisterung und eine starke Identifikation mit der eigenen Disziplin sind seit jeher der drive, der Forscher*innen auch unter prekären Arbeitsbedingungen zur Leistung anfeuert. In diesem Emotionsregimen werden allerdings vermeintliche Entitätspaarungen reproduziert, die – ähnlich dem von der SKA überwundenen Dualismus zwischen nature/culture – nun Emotionales oder Politisches von Wissenschaftlichem, Privates von der Arbeit und angewandte Praxis von der Analyse trennen. In der tatsächlichen ethnografischen Praxis und sicherlich auch, wenn deren Ergebnisse ‚politisch nutzbar‘ gemacht werden sollen, erweisen sich ebendiese Dualitätspaare jedoch als Pole, zwischen denen Forscher*innen einen Spagat bewältigen müssen, der Kraft und Emotionsarbeit (Castillo 2015; Stodulka et al. 2019; Hage 2010; Svašek 2010) fordert und oft nicht ohne emotionale und psychische Konsequenzen bleibt (Küpers/Weibler 2005: 141). Politische Bildungsarbeit und emotional-engagiertes Handeln werden somit innerhalb der vorherrschenden Arbeitskulturen als ‚unwissenschaftlich‘ oder ‚unprofessionell‘ kodiert und von Forschenden damit automatisch gemieden.

Das Recht auf Wissen – oder warum wir ethnografisches Arbeiten als politische Bildung verstehen sollten

Denkt man diese Ansätze weiter, so kommt man vor allem auf eine Schlussfolgerung: Die Entstehung von Wissen jeder Art ist grundsätzlich abhängig von den Menschen, durch die und innerhalb deren Kulturen und systemischen Umständen es entsteht. Im Fall der SKA bezieht sich dies nicht nur auf ‚das Feld‘, sondern auch das akademische Arbeitsklima. Ob, wie und auf welche Weise Daten überhaupt erhoben werden (können), steht etwa in direkter Verbindung zu Finanzierungs- und Ausstattungspolitiken, die wiederum stark von aktuellen Ereignissen und damit einhergehenden Präferenzen in der Förderpolitik einhergehen. Politisch und emotional beeinflusst sind damit also bereits die Themen- und Methodenauswahl. Gerade im Kontext aktueller Ereignisse, in denen von unterschiedlichen rassistischen, restriktiven und demokratiezersetzenden Kräften wissenschaftliche Forschungsergebnisse bewusst populistisch ausgeschlachtet, fehlinterpretiert und ganze Wissenschaftszweige diskreditiert, ja teilweise sogar abgeschafft wurden (man schaue nur auf die Gender Studies in Ungarn oder die Klimawandel-Forschung in den USA), muss die Wissenschaft aber eine Stimme finden, mit der sie sich auch außerhalb des ‚Elfenbeinturms‘ bemerkbar machen kann. Gerade Ethnografien bergen hier unglaubliches Potential: Sozial- und kulturanthropologische Projekte umfassen meist weit mehr als ‚nur‘ akademische Veröffentlichungen, sondern beinhalten oft langjähriges, persönliches, zivilgesellschaftliches Engagement von Forschenden und Forschungsteilnehmenden, die dadurch nicht nur explizites, sondern auch implizites, in Veröffentlichungen meist nicht abgebildetes Wissen generieren. Die SKA ist damit eine der Wissenschaften, die es durch ihre einzigartige Methode schaffen könnte, Vermittlerin zwischen Theorie und Praxis, field und desk oder Wissenschaft und Gesellschaft zu sein. Der in der Disziplin historisch gewachsene Anspruch, Lebensweisen holistisch und aus den partizipierenden Gruppen heraus zu erfassen und gleichzeitig vor allem vulnerable und marginalisierte Menschen und Umwelten in den Fokus zu nehmen, trägt gerade im Sinn von global learning zu einer Multi-Perspektivität bei und eröffnet (selbst-)reflexive, diversitätsbewusste Dialogräume auf Augenhöhe (Schneeweiß 2019: 247 ff.). Diese Art der Herangehensweise schlägt sich bereits stark in den anthropologischen Erhebungsmethoden nieder, sodass sogar die Teilnahmeerfahrung für manche zu einer Form von empowerment führen kann (Baumann 2019: 27-55). Emotionen (sowohl die der Forschenden als auch der Forschungsteilnehmenden) könnten dann neben der an das story telling angelehnten ethnografischen Schreibweise besonders gut als ‚Vermittlungsbrücken‘ zu einer nicht-akademischen Öffentlichkeit genutzt werden.

Der Erschaffung von Wissen durch ethnografische Methoden liegt somit eine Macht- und Deutungshoheit inne, die man als Wissenschaftler*in reflektieren und nutzen sollte. Diese geht über die reine Forschung und den akademischen Diskurs weit hinaus. Sie liegt in dem, was wir an jüngere Generationen in der Lehre weitergeben, wie wir unsere Daten erheben und wo wir unser Wissen publizieren; ebenso darin, wie aktiv wir an der Gestaltung unserer Gesellschaft teilhaben. In Zeiten von ‚fake science‘, Populismus und Rechtsruck ist ein Einbeziehen der ethisch-moralischen Ebene in einer politisierten, reflexiven Wissenschaft deshalb umso wichtiger. Leider haben Aktivismus und Vulnerabilität häufig keinen Platz in den an den Hegemonial-Diskurs angepassten universitären Emotionsregimen. Der Druck, in bestimmter Weise erhobene und interpretierte Forschungsergebnisse abliefern zu müssen, der vor allem im Zuge der Neoliberalisierung und der Prekarität von Arbeitssituationen insbesondere auf Nachwuchswissenschaftler*innen lastet, sollte in dieser Debatte nicht unbeachtet bleiben. Wissenschaft und Ethnografie sind damit allerdings notgedrungen stets politisch. Das wird schon deshalb deutlich, weil auch wir als Wissenschaftler*innen keinesfalls von Fremdzuschreibungen und Politisierungen freibleiben. Das Beispiel des Virologen Christian Drosten, der sich in letzter Zeit intensiv mit den auch negativen Konsequenzen seiner neu errungenen Popularität auseinandersetzen musste, zeigt, wie dringend eine Auseinandersetzung auch in der SKA rund um eine public anthropology und eine gelungene Wissenschaftskommunikation von Nöten ist.


Literatur

  • Baumann, Julia Nina (2019): ‚ZwischenWelten in einer verlorenen Zeit‘. World-making von Geflüchteten in struktureller Peripherisierung – eine aktivistische Ethnografie. Potsdam: WeltTrends.
  • Behar, Ruth (1996): The vulnerable observer. Anthropology that breaks your heart. Boston: Beacon Press.
  • Bourgois, Philippe (1990): Confronting Anthropological Ethics: Ethnographic Lessons from Central America, in: Journal of Peace Research 27 (1), 43-54.
  • Castillo, Rosa Cordillera (2015): The Emotional, Political, and Analytical Labor of Engaged Anthropology Amidst Violent Political Conflict, in: Medical Anthropology 34 (1), 70-83.
  • Drosten, Christian (2020): Podcast. Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten, Nr. 24 Wir müssen weiter geduldig sein, 30.03.2020: https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684_page-3.html [22.06.2020].
  • Fassin, Didier (2006): Riots in France and Silent Anthropologists, in: Anthropology Today. Journal of the Royal Anthropological Institute 22 (1), 1-3.
  • Frank, Gelya (2000): Venus on Wheels. Berkeley: University of California Press.
  • Goslinga, Gilian und Gelya Frank (2007): Foreword. In the Shadows. Anthropological Encounters with Modernity, in: A. Mc Lean/A. Leibing (Hg.): The shadow side of fieldwork. Exploring the blurred borders between ethnography and life. Malden: Blackwell, xi-xix.
  • Hage, Ghassan (2010): Hating Israel in the Field. On Ethnography and Political Emotions, in: J. Davies/D. Spencer (Hg.): Emotions in the Field. The Psychology and Anthropology of Fieldwork Experience. Stanford: Stanford University Press, 129-154.
  • Jackson, Michael (2010): From anxiety to method in anthropological fieldwork. An appraisal of George Devereux’s enduring ideas, in: J. Davies/D. Spencer (Hg.): Emotions in the field: The anthropology and psychology of fieldwork experience. Palo Alto: Stanford University Press, 35-54.
  • Jensen, Uffa und Daniel Morat (Hg.) (2008): Rationalisierungen des Gefühls. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Emotionen 1880-1930. München: Wilhelm Fink.
  • Küpers, Wendelin und Jürgen Weibler (2005): Emotionen in Organisationen., in: D. v.d. Oelsnitz/J. Weibler (Hg.): Organisation und Führung. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Leibig, Annette und Athena McLean (2007): Learn to value your shadow! An introduction to the margins of fieldwork, in: A. Mc Lean/A. Leibing (Hg.): The shadow side of fieldwork. Exploring the blurred borders between ethnography and life. Malden: Blackwell: 1-28.
  • Liebal, Kai, Oliver Lubrich und Thomas Stodulka (Hg.) (2019): Emotionen im Feld – Gespräche zur Ethnographie, Primatographie und Reiseliteratur. Bielefeld: Transcript.
  • Salden, Simone und Inka Schmeling (2019): Anschreiben gegen das Klischee: Ethnologische Themen in den Medien, in: Sabine Klocke-Daffa (Hg.): Angewandte Ethnologie. Perspektiven einer anwendungsorientierten Wissenschaft. Wiesbaden: Springer VS, 441-458.
  • Scheper-Hughes, Nancy (1995): The Primacy of the Ethical. Propositions for a Militant Anthropology, in: Current Anthropology 36(3), 409-440.
  • Schnabel, Ulrich (2015): ‚Da stimmt doch was nicht!‘. Interview mit Nigel Barley, in: DIE ZEIT 13. August 2015: https://www.zeit.de/2015/31/ehtnologie-nigel-barley-subjektive-wissenschaft-kultur [22.06.2020].
  • Schneeweiß, Verena (2019): Ethnologische Bildungsarbeit. Globalpolitische und diversitätsbewusste Ansätze, in: Sabine Klocke-Daffa (Hg.): Angewandte Ethnologie. Perspektiven einer anwendungsorientierten Wissenschaft. Wiesbaden: Springer VS, 233-256.
  • Smith, Lindsay und Arthur Kleinman (2010): Emotional Engagements. Acknowledgement, Advocacy, and Direct Action, in: D. Spencer/J. Davies (Hg.): Emotions in the Field. The Psychology and Anthropology of Fieldwork Experience. Stanford: Stanford University Press, 171-190.
  • Stodulka, Thomas (2014): Feldforschung als Begegnung – Zur pragmatischen Dimension ethnographischer Daten, in: Sociologus 64 (2), 179-206.
  • Stodulka, Thomas, Ferdiansyah Thajib und Samia Dinkelaker (2019): Affective Dimensions of Fieldwork. New York: Springer.
  • Svašek, Maruška (2010): In “The Field”. Intersubjectivity, empathy and the workings of internalised Presence, in: D. Spencer and J. Davies (Hg.): Anthropological Fieldwork. A Relational Process. Newcastle, UK: Cambridge Scholars Publishing, 75-99.
  • Turner, Roy (1989): Deconstructing the field, in: Gubrium, J./D. Silverman (Hg.): The Politics of Field Research. London: Sage, 13-29
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