Notwendige Positionen im Wissenschaftsbetrieb – Plädoyer für mehr Engagement im Ringen um ‚Gute Arbeit in der Wissenschaft‘

Ein Beitrag von Martin Büdel. Dieser Blog-Artikel basiert auf einem Vortrag beim Workshop „Notwendige Positionen und politische Praxis in der Ethnologie“ im Rahmen der DGSKA-Tagung 2019 in Konstanz.

Was sind notwendige Positionen und Letztbegründungen für Ethnolog*innen und verleiten diese notwendigerweise dazu, selbst Akteur*in in politischen Handlungsfeldern zu werden? Solche Fragen hatte Magnus Treiber im Workshop „Notwendige Positionen und politische Praxis in der Ethnologie“ auf der DGSKA-Tagung 2019 in Konstanz zur Diskussion gestellt und im Rückblick auf die Tagung auf den Umstand verwiesen, dass der Involvierung in die Unmittelbarkeit und Sensualität des Forschungsfeldes allzu oft ein Rückzug in „die distanzierte Sphäre der Kritik“ (Treiber 2019) folgt – Ethnolog*innen sind kritisch, ja klar, aber am Ende doch eher mit abgeklärtem Blick von außen. Umso wichtiger erscheint die „Standortbestimmung“ (ebd.), die er vorschlägt, will man die Herausforderung annehmen, engagierter Bestandteil der Universitätslandschaft zu bleiben.

Hermann Amborn hat dazu angeregt, es bei einer solchen Standortbestimmung nicht bei einer einseitigen Perspektive zu belassen: „Ohne die Analyse der eigenen Gesellschaft bleibt die Ethnologie ein einbeiniges Monster“ (Amborn 1993: 140). In manchen Bereichen ist die Ethnologie trotz Umbenennung der Fachgesellschaft dieses einbeinige Monster geblieben und wird zurecht dafür angegriffen. Auch wenn einfache Vorwürfe neokolonialer Attitüde oder eurozentrischer Sichtweisen oft nur einen Ausschnitt des Problems treffen und selten die Komplexität dieser Verstrickungen erfassen, fehlt der Ethnologie auch heute noch zu oft das von Amborn angeregte Bemühen um einen „handlungsfähige[n] Diskurs“ im Sinne eines „argumentierende[n], herrschaftsfreie[n] Dialogs“ (ebd.: 150). Zu sehr sind die meist schriftlich fixierten Beobachtungen und Analysen verstrickt in bestimmte Logiken des Wissenschaftsfeldes, in dem sich Reputation für den individualisierten Karriereverlauf eher selten durch einen Dialog auf Augenhöhe erwerben lässt.

Als Konsequenzen seiner Überlegungen verweist Amborn mit Blick auf die Situation der Feldforschung und der daraus hervorgehenden Theoriebildung darauf, dass Ethnologie „bereits im akademischen Bereich und nicht erst ‚im Feld‘ humanisiert werden [muss]“ (ebd.). Kommunikatives Handeln, Reflexivität, Verantwortungsbewusstsein und theoretische Neugierde werden eben nicht erst ‚im Feld‘ gebildet oder geschärft, sondern sind im besten Falle Motivation für den Willen zum Wissen bzw. der ethnologischen Bildung im Zuge des Studiums und später bei der Etablierung und Herausbildung als Wissenschaftler*in.

Wie könnte sich nun eine solche ‚Humanisierung der Ethnologie im akademischen Bereich‘ auswirken, wenn man die tatsächlichen Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnisse in den Blick nimmt, unter denen als ‚wissenschaftlicher Nachwuchs‘ Infantilisierte (vgl. Ullrich 2016) mit teils harten Bandagen und unter prekären Anstellungsbedingungen um einen Verbleib kämpfen müssen? Wo viele angesichts der wenig vielversprechenden Aussichten vor oder nach der Promotion die Segel streichen und trotz anfänglicher Euphorie, Neugierde und Wissensdrang in Hochschule und Forschung keinen gangbaren Weg für sich sehen (vgl. Ohm 2016)? Welches Wissen, welcher Wissensdrang kommt zur Entfaltung und welche Ideen und Impulse werden unterdrückt und finden durch den Exit aus dem Wissenschaftsbetrieb nie Eingang in die Wissensproduktion?

Wenn wir davon ausgehen, dass wir als Wissenschaftler*innen „zu den Produzenten von Ideen […] gehören“ und „zur Gestaltung des Laufs der Welt beitragen“ – unabhängig davon, wie groß oder klein dieser Beitrag ist, und unabhängig davon, wie wir diese Tatsache reflektieren oder vielleicht auch ignorieren – sind wir als Forschende, Denkende und Schreibende, schon immer „engagiert“ und können deshalb „die politische Dimension unseres Handelns nicht […] verdrängen“ (de Lagasnerie 2018: 14). Die ethische Entscheidung, wofür wir stehen, wozu wir schreiben und wie wir in Diskurse und Praxen eingreifen wollen, steht in dieser Perspektive vor erkenntnistheoretischen und methodischen Fragen und wird durch diese nicht aufgehoben. Wir müssen uns für eine Position entscheiden und tragen Verantwortung dafür. Einen einfachen Ausweg aus diesem Dilemma oder eine kritische Beobachtung aus der Distanz gibt es nicht – weder im Forschungsfeld, noch an der heimischen Universität.

Umso bedauernswerter ist es, dass sich von Seiten der DGSKA keine vernehmbare Stimme in die jüngeren Diskussionen um die Beschäftigungsverhältnisse an deutschen und europäischen Universitäten eingemischt hat, obwohl sich hier einiges bewegt (vgl. dazu bspw. zuletzt die Beiträge von Ullrich/Neiss 2020 und Rosefeldt 2020). Während aus einer ‚Mittelbau-Initiative‘ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) wichtige Impulse kamen, die u.a. zu einer langfristig angelegten Kampagne für ‚Gute Arbeit in der Wissenschaft‘ im Verbund mit anderen Akteuren führten, und sogar die Fachgesellschaft selbst jüngst eine Stellungnahme veröffentlichte, gibt es in der DGSKA Nachholbedarf. Das Engagement bei der European Association of Social Anthropologists (EASA) könnte bei den Bemühungen um bessere Arbeitsbedingungen Vorbild sein (dazu v.a. die Arbeit von Mariya Ivancheva, zuletzt Ivancheva 2020), wichtig wäre aber doch ein stärkerer Einsatz für Veränderungen an den Instituten und als Fachgesellschaft auf hochschulpolitischer Ebene im Bund und in den Ländern.

Eine Möglichkeit dafür wäre, die emanzipatorisch auf Dehierarchisierung ausgerichteten Vorschläge für neue Institutsstrukturen aufzugreifen, stark zu machen und weiterzudenken, wie sie u.a. von Seiten der AG Wissenschaftspolitik der ‚Jungen Akademie‘ in die Diskussion eingebracht wurden (Specht et al. 2017). Mit Blick auf die notwendig weiterzutreibenden Veränderungen der theoretischen Positionen im Fach (u.a. im Sinne von Dekolonisierung, der weiteren Überwindung von Amborns „einbeinigem Monster“, usw.) könnte man vielleicht an der eigenen Institutstür damit beginnen, die Bedingungen für ein befreites und befreiendes Denken und Handeln zu schaffen? Denn: Geht es uns darum, die Privilegien zu erlangen, die einige wenige nun haben? Oder geht es uns darum, solche Privilegien und stark auf eine herausgehobene Stellung Einzelner (Direktorate, Lehrstühle) ausgerichtete Strukturen zu hinterfragen und das Wissenschaftssystem entsprechend zu verändern?

Diese Fragen stellen sich gerade beim Blick auf die vermeintlichen Privilegien einer Professur, die in einigen Fällen zu Überbelastung (in Form von Arbeitszeiten und Verantwortung) führen – nicht zuletzt zum Nachteil der betreuten Studierenden und Promovierenden. Somit ließe sich (auch im Sinne von Specht et al.) für eine Umverteilung der Arbeitsaufgaben und der Verantwortung plädieren, die eine Entlastungsfunktion für alle Statusgruppen mit sich bringen könnte (Gorz 1983: 89; siehe auch Kirchner, Gimmel, Mangelsdorf 2020).

Ethnologie ist beim Nachdenken über menschliches Denken und Handeln – unser eigenes und das Anderer – nicht unbedingt „Schlüssel zu einer besseren Welt“ (Treiber 2019), aber doch Tor zu einem reflektierten Verständnis soziokultureller Verhältnisse, die eigenen Verhältnisse an den Universitäten eingeschlossen. Das Vermögen ethnologischer (Selbst-)Bildung erlaubt „kritisch-verantwortlich“ (Amborn 1993: 143) zu denken und zu handeln, sowie klare Kriterien für solche Verantwortung zu entwickeln und unserem Handeln zu Grunde zu legen. Das eigene, unmittelbare Umfeld – die Institute, die Universität – wären die Orte, an denen wir damit beginnen sollten.


Literatur

  • Amborn, Hermann (1993): Handlungsfähiger Diskurs: Reflexionen zur Aktionsethnologie. In: Wolfdietrich Schmied-Kowarzik und Justin Stagl (Hrsg.): Grundfragen der Ethnologie. Beiträge zur gegenwärtigen Theorie-Diskussion. Berlin: Reimer, S. 129-150.
  • Gorz, André (1983): Wege ins Paradies: Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit. Berlin: Rotbuch-Verlag.
  • Ivancheva, Mariya (2020): The casualization, digitalization, and outsourcing of academic labour: a wake-up call for trade unions. Focaalblog, online [letzter Zugriff am 14.02.2021].
  • Kirchner, Andreas, Jochen Gimmel und Marion Mangelsdorf (2020): Muße und Wissenschaft. In: Muße ein Magazin 5, 2, online [letzter Zugriff am 14.02.2021].
  • Lagasnerie, Geoffrey de (2018): Denken in einer schlechten Welt. Berlin: Matthes und Seitz.
  • Ohm, Britta (2016): Exzellente Entqualifizierung. Das neue akademische Prekariat. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 8, S. 109-120.
  • Rosefeldt, Tobias (2020): Kanzlerdämmerung in Bayreuth. In: Soziopolis, online [letzter Zugriff am 14.02.2021].
  • Specht, Jule et al. (2017): Departments statt Lehrstühle: Moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft. Debattenbeitrag der AG Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie. Berlin.
  • Treiber, Magnus (2019): Notwendige Positionen. Politisches Handeln und die Grenzen der ethnologischen Wissenschaft. Boasblog, online [letzter Zugriff am 14.02.2021].
  • Ullrich, Peter (2016): Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus. In: Soziologie 45, 4, S. 388-411.
  • Ullrich, Peter und Matthias Neiss (2020): Die Mühen der Ebene. In: Soziopolis, online [letzter Zugriff am 14.02.2021].
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